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„Meine letzte Reise ist das Sterbefasten“

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Die Reportage wurde am Montag, 17. Februar 2020, veröffentlicht - bevor das Bundesverfassungsgericht am 28. Februar das Verbot der Beihilfe zur Selbsttötung aufhob.
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"Meine letzte Reise ist das Sterbefasten."

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Was genau ist Sterbefasten?

Seit drei Jahren beschäftigt sich Sabine Mehne mit dem Thema Sterbefasten. Es geht um den freiwilligen Verzicht auf Nahrungsmittel und Flüssigkeit, kurz FVNF. Die Idee: Kein Essen und Trinken von heute auf morgen, jetzt und sofort. Eine autonome Entscheidung mit dem Ziel, das Leben vorzeitig zu beenden.

Das Ende kommt aber nicht schnell. Zwischen zehn und vierzehn Tagen kann das Sterbefasten dauern, denn der menschliche Körper gibt nicht so schnell auf. „Wenn es soweit ist, wird mir das nicht schwer fallen. Ich esse und trinke mittlerweile kaum noch etwas. Zu Mittag esse ich nur eine pürierte Karotte. Mehr schafft mein Körper schon längst nicht mehr“, sagt Mehne. Ihre Familie, ihr Mann und ihre drei Kinder, wissen von ihrem Wunsch. Sie stehen hinter ihr. Es ist eine ganz bewusste Entscheidung für „ihre letzte Reise", so nennt sie es.
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Den Weg, den Sabine Mehne noch vor sich hat, den ist Jacqueline Görler 2010 gegangen. Nach 13 Tagen Sterbefasten ist sie gestorben. Ihre Tochter Christiane zur Nieden ist Sterbebegleiterin, ihr Schwiegersohn Hans-Christoph Haus- und Palliativarzt. Beide haben Jacqueline bei ihrem Sterbeprozess begleitet.

Lebenssatt - Und dann?
Jacqueline ist damals 88 Jahre alt. Ihre künstliche Hüfte schränkt sie im Alltag ein. Ihre eigenen vier Wände hat sie noch, ihren Ehemann Max schon lange nicht mehr. Gehen, liegen, stehen - keine Bewegung ohne Schmerzen. „Meine Mutter wollte nicht mehr. Sie war lebenssatt. Das wusste ich. Trotzdem war ich erstmal geschockt, als sie auf einmal mit dem Sterbefasten angefangen hat“, erzählt Christiane zur Nieden. Die 13 Tage wolle sie aber nicht missen müssen. In dieser Zeit haben sie viel verarbeitet, gemeinsam gelacht, gemeinsam geweint. Eine Zeit mit unterschiedlichen Stimmungen und körperlichen Phasen.
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Eine biologische Kettenreaktion im Sterbevorgang erzeugt drei Phasen", erklärt Arzt und Schwiegersohn Hans-Christoph zur Nieden.

Zu Beginn ist man bei vollem Bewusstsein, das Gehirn setzt nach der Fastenwirkung körpereigene Stoffe, sogenannte Endorphine (Glückshormone), frei, die einen positiv stimmen und das Durchhalten fördern. In der zweiten Phase wird man schwächer. Die meisten sind dann bettlägerig. Die dritte und letzte Phase wird nochmal anders.

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Hans-Christoph zur Nieden

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Christiane zur Niedens Mutter Jacqueline hat von null auf hundert verzichtet. Von drei Mahlzeiten und einem Liter Flüssigkeit am Tag auf einen kleinen Becher Wasser. Und den lediglich für die Mundpflege. Ihre Medikamente bekommt sie unter die Haut gespritzt, damit sie keine Tabletten mit Wasser schlucken muss. Sie helfen gegen den Liegeschmerz, die künstliche Hüfte plagt sie. Magenschmerzen bleiben auch nicht aus. Viel größer ist aber der Durst. Gejammert habe sie aber nie. Generell habe sie wenig gesprochen, erzählt Christiane zur Nieden.

Gute Mundpflege ist das A und O
Gegen den Durst hilft Mundpflege, eine übliche Methode in der Sterbebegleitung. Denn die Rezeptoren für Durst sind im Mundraum, auch im Rachen und am Gaumen. Wenn diese Stellen befeuchtet werden, wird dem Kopf signalisiert, der Körper sei mit genügend Flüssigkeit versorgt. Mittels kleiner Sprühflaschen, Eiswürfel, Watteträger oder Waschlappen kann man Getränke in kleinster Dosierung zur Befeuchtung zuführen. Das dämpft den Durst. Das Getränk ist nicht entscheidend: von Wasser bis Bier über Tee, was der Sterbende gerne mag.

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Christiane zur Nieden



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Ein ethischer und moralischer Diskurs

Das Sterbefasten ähnelt im Verlauf dem physiologischen Sterben, dem natürlichen Tod. Viele Menschen möchten am Ende nichts mehr essen und trinken. Das wird beim Sterbefasten ganz bewusst eingeleitet. Man stirbt durch die Dehydrierung, dem Mangel an Flüssigkeit, der zum Nierenversagen führt. Auf dem Totenschein von Jacqueline wurde Nierenversagen als Todesursache vermerkt, erzählt Hans-Christoph zur Nieden. Seine Schwiegermutter sei „einfach eingeschlafen“. 
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Pfarrer Matthias Struth ist Klinikseelsorger am Universitätsklinikum in Frankfurt am Main. 
Er hat schon viele Menschen sterben sehen und trotzdem ist für ihn die Definition des Sterbefastens nicht eindeutig.   

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Pfarrer Matthias Struth

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Ethiker und Theologen streiten sich um die Definition: eine suizidale Handlung mit natürlicher Todesfolge, passiver Selbstmord, Suizid oder ein natürlicher Tod, der lediglich vorzeitig herbeigeführt wird und anders als beim Selbstmord abgebrochen werden kann?

In der Debatte stehen ethische und moralische Bedenken oft dem Argument, das auf ein Recht auf Selbstbestimmung beim Sterben beharrt, gegenüber. Für Christiane zur Nieden ist der Tod ihrer Mutter zu Beginn eine suizidale Entscheidung mit der Folge eines natürlichen Todes. Das Gesetz definiert Selbstmord als „die vorsätzliche Beendigung des eigenen Lebens.“ 
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Sonja Sailer-Pfister arbeitet im Bistum Limburg als Hospizbeauftragte. Die Sozialethikerin und Theologin vertritt zu dieser Debatte folgende Meinung.

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Sonja Sailer-Pfister

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Katechismus der Katholischen Kirche
ARTIKEL 5 - DAS FÜNFTE GEBOT
1. Die Achtung vor dem menschlichen Leben

„Der Selbstmord widerspricht der natürlichen Neigung des Menschen, sein Leben zu bewahren und zu erhalten. Es ist eine schwere Verfehlung gegen die rechtliche Eigenliebe. Selbstmord verstößt auch gegen Nächstenliebe, denn er zerreißt zu Unrecht die Bande der Solidarität mit der Familie, der Nation und Menschheit, denen wir immer verpflichtet sind. Der Selbstmord widerspricht zudem der Liebe zum lebendigen Gott.“



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Darf ich als Christ jemanden beim Sterbefasten begleiten? Pfarrer Matthias Struth hat sich diese Frage schon oft gestellt, seine Antwort dazu ist eindeutig.




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Pfarrer Matthias Struth 

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Es ist eine Herausforderung für die Angehörigen und medizinischen Betreuer. Christiane zur Nieden hat sich gefragt, ob sie Schuld am Tod ihrer Mutter trägt.  



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Christiane zur Nieden

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Abschied nehmen

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Ein Gesetz, das Fragen aufwirft

Die gesetzliche Lage verkompliziert die Debatte um das Sterbefasten. Selbstmord ist in Deutschland nicht strafbar, assistierter Suizid oder aktive Sterbehilfe hingegen schon. 2015 hat der Deutsche Bundestag ein Gesetz zur ,,Förderung der Selbsttötung" verabschiedet.

§ 217 Strafgesetzbuch (StGB)
(1)   Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. 
(2) Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und entweder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht.  



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,,Geschäftsmäßige Förderung"

Sabine Mehne macht sich selbst durch das Sterbefasten nicht strafbar, Christiane zur Nieden bleibt nach der Begleitung ihrer Mutter 2003 ebenso straffrei. Ihr Mann hingegen müsste zum heutigen Zeitpunkt mit rechtlichen Konsequenzen rechnen. Als Schwiegersohn ist die Begleitung unbedenklich, in seiner Funktion als behandelnder Arzt, der während der Begleitung Medikamente verabreicht, ist die Rechtslage wieder anders. Ärzte, Hospiz- und Sterbebegleiter oder Pfleger machen sich bei mehrfacher Begleitung nach Paragraph 217 StGB strafbar. Das Wort „geschäftsmäßig“ ist hier entscheidend. Im juristischen Sinne bedeutet das nicht gewerblich, vielmehr geht es um die auf Wiederholung angelegte Begleitung. Das Gesetz verbietet jede Art von wiederholter Sterbehilfe, ob kommerziell oder nicht.

Das Ehepaar zur Nieden ist für die Abschaffung des Gesetzes.

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Christiane zur Nieden

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Es bleibt Definitionssache, ob das Sterbefasten unter dieses Gesetz zur Selbsttötung fällt. Ärzte stehen zwischen einer Straftat und der sogenannten Garantenpflicht, die Pflicht, bei Unglücksfällen, gemeiner Gefahr oder Not, Hilfe zu leisten. „Es geht hier um Hilfe beim Sterben und nicht um Hilfe zum Sterben“, positioniert sich Hans-Christoph zur Nieden. Eine entsprechende Patientenverfügung und dokumentierte Modifizierung der Garantenpflicht sieht er trotzdem als notwendige Absicherung. Im Oktober 2019 äußerte sich die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) erstmalig mit eindeutigen Worten:

„Vor allem die Diskussion um Sterbehilfe hat auch dazu geführt, dass um die Bewertung von FVNF gerungen wurde. Das DGP-Positionspapier kommt zu dem Schluss: Freiwilliger Verzicht auf Essen und Trinken ist nicht als Suizid zu bewerten.

Nicht alle stimmen dem zu. Zahlreiche Altenheime und Hospize wollten sich auf Anfrage zur Handhabung mit dem Sterbefasten nicht äußern. Generell scheint es immer noch ein Tabuthema zu sein. Einige Ärzte möchten hier nicht zitiert werden, was einer der Gründe für die schlechte Faktenlage ist.

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Der falsche Weg?

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Sterbefasten ist kein Massenphänomen. Konkrete Zahlen und Fakten sind in der Wissenschaft bislang nicht bekannt. Kursierende Umfragen geben keine konkrete und repräsentative Auskunft zu den Umständen und Beweggründen. Meist leiden die Personen an schweren und teils unheilbaren Krankheiten oder sind hochbetagt und lebenssatt. Durch diverse Gespräche mit Fachärzten, Pflegern, Angehörigen und Seelsorgern wird  klar: Wer sich nicht autonom mit vollstem Willen und Bewusstsein dafür entscheidet, wird scheitern. Das Sterbefasten ist keine Lösung für Menschen mit psychischen Erkrankungen, die keinen anderen Ausweg mehr sehen als diesen. Mal soeben Sterbefasten machen, das funktioniert nicht. Davor wird auch an dieser Stelle dringend gewarnt.

Für manche Menschen ist das Sterbefasten der falsche Weg. So gibt es auch Fälle, wo das Sterbefasten abgebrochen wird. Christiane zur Nieden weiß, dass der Wille zum Sterbefasten entscheidend ist. 

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Christiane zur Nieden

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„Wenn die Zeit reif ist."

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Bistum Limburg
Informations- und Öffentlichkeitsarbeit
Anna Parschan
a.parschan@bistumlimburg.de
ak.parschan@web.de
069 8008718226

Ich möchte mich bei allen Personen bedanken, die im Laufe meiner Recherche mit mir gesprochen und mir weitergeholfen haben. Ein besonderer Dank geht an Sabine Mehne und an das Ehepaar Christiane und Hans-Christoph zur Nieden für ihr großes Vertrauen und die intimen Einblicke in ihr Privatleben.

Zu den Personen:
Sabine Mehne (Psychotherapeutin, Buchautorin)

Christiane zur Nieden (Sterbebegleiterin)

Hans-Christoph zur Nieden (Haus-und Palliativarzt)

Pfarrer Matthias Struth (Klinikseelsorger am Universitätsklinikum in Frankfurt am Main, dissertiert zur ethischen Bewertung des Sterbefastens aus christlicher Sicht)

Dr. Sonja Sailer-Pfister (Beauftragte für die Hospiz- und Palliativseelsorge im Bistum Limburg, Dozentin für Christliche Sozialethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, Mitglied der Akademie für Ethik und Medizin)
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Seit drei Jahren beschäftigt sich Sabine Mehne mit dem Thema Sterbefasten. Es geht um den freiwilligen Verzicht auf Nahrungsmittel und Flüssigkeit, kurz FNVF. Kein Essen und Trinken von heute auf morgen, jetzt und sofort. Eine autonome Entscheidung mit dem Ziel, zu sterben. 

Das Ziel kommt aber nicht schnell. Zwischen zehn und 14 Tagen kann das Sterbefasten dauern, denn der menschliche Körper gibt nicht so schnell auf. „Mir wird das nicht schwer fallen. Ich esse mittlerweile kaum noch was. Ein bisschen was trinke ich noch. Ein Mittagessen ist eine pürierte Karotte. Mehr geht schon längst nicht mehr“, sagt sie. Es ist eine bewusste Entscheidung für ihre letzte Reise, so wie sie es nennt. 
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